Stauferstele Ettlingen

Spätestens 1220 durch die Staufer zur Stadt erhoben

Ettlingen ist nach Bruchsal die zweitgrößte Stadt des Landkreises Karlsruhe in Baden-Württemberg. Am Sonntag, 30. April 2017 soll auf dem Kurt-Müller-Graf-Platz beim Schloss eine Stauferstele eingeweiht werden. Die Stele kommt in die Nähe des so genannten "Bärengraben", wo derzeit noch die Skulptur "Paar" des Künstlers Roland Kuch steht.


VON PETER KOBLANK (2017)

Die Stauferstele wird auf dem früheren Kutschenplatz östlich des Schlosses, heute Kurt-Müller-Graf-Platz, etwa dort aufgestellt, wo links auf dem Panoramafoto der Mülleimer steht.

Der weiße Zinnenturm im Wappen von Ettlingen verweist auf das Kloster Weißenburg im Elsass. Der badische rote Schrägbalken zeugt von der Zugehörigkeit zur Markgrafschaft Baden.

Ettlingen war schon in römischer Zeit ein wichtiger Straßenkreuzungspunkt und wurde in einer Urkunde des Klosters Weißenburg im Elsass zum Jahre 788 als Ediningom erstmals erwähnt. 965 erhielt das Kloster Weißenburg von Kaiser Otto dem Großen das Marktrecht für Ettlingen.

Stadterhebung spätestens 1220

Aus einer Urkunde, die Kaiser Friedrich II. im Jahre 1234 in Apulien ausgestellt hat, geht hervor, dass er olim (einst) bei seinem Aufenthalt in Deutschland dem Markgraf Hermann V. von Baden die Stadt Ettlingen zum Lehen gegeben hatte. Gleichzeitig überließ er damals dem Markgrafen die drei Städte Eppingen, Sinsheim und Lauffen als Pfandgut für die Summe von 2300 Mark Silber.

Friedrich II. verordnete in der Urkunde von 1234, dass seine damaligen Verfügungen in Kraft bleiben und die drei genannten Städte auch künftig um 2300 Mark verpfändet sein sollen, ohne Rücksicht darauf, dass Friedrichs Sohn König Heinrich (VII.) den Markgrafen neuerdings zwingen wollte, die Pfandsumme um 1000 Mark zu ermäßigen.

Aus einer von Kaiser Friedrich II. im November 1234 im apulischen Apricena für Markgraf Hermann V. von Baden ausgestellten Urkunde lässt sich ableiten, dass Ettlingen spätestens 1220 eine civitas war und demgemäß irgendwann vor diesem Zeitpunkt das Stadtrecht erhalten haben muss. Am Ende der fünften und am Anfang der sechsten Zeile steht, dass die Stadt Ettlingen dem Markgrafen zum Lehen gegeben wurde (in feodo sibi dedisse civitate Ettenigen). – Das Original dieser mit einer verloren gegangenen Goldbulle besiegelten Urkunde befindet sich im Generallandesarchiv Karlsruhe unter der Signatur D Nr. 31.
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Text der Urkunde im Württembergischen Urkundenbuch PDF 179 KB

Da laut dieser Urkunde damals auch ein Tausch von Durlach gegen Besitz in Braunschweig erfolgte, könnte es sein, dass dieses olim sich auf einen Hoftag in Goslar im Jahre 1219 bezieht. Damals unterwarf sich der ehemals welfisch gesinnte Heinrich von Braunschweig, der Schwiegervater des Markgrafen, dem König.

Der spätestdenkbare Zeitpunkt für diese Besitzübertragungen liegt im Jahr 1220, in dem Friedrich nach Italien zog, wo er sich, inzwischen zum Kaiser gekrönt, 1234 immer noch aufhielt.

Ettlingen war, als es spätestens 1220 und möglicherweise 1219 dem Markgraf Hermann V. von Baden zum Lehen gegeben wurde, eine Stadt. Das lässt sich aus der Bezeichnung als civitas Ettenigen in der Urkunde von 1234 ableiten. Irgendwann davor wurde der Ort zur Stadt erhoben.

Von der Burg zum Schloss

Markgraf Hermann V. hatte einen Sohn namens Markgraf Rudolf I. von Baden. Vermutlich hat dieser Mitte des 13. Jahrhunderts in Ettlingen – möglicherweise auf den Resten eines staufischen Vorgängerbaus – eine Burganlage erbaut. Ein Vorgängerbau hat sich aber bisher nicht nachweisen lassen.

Markgraf Rudolf I. von Baden stand von 1246 bis zum Untergang der Staufer im Jahre 1268 auf der Seite der Staufergegner: Nach der Niederlage des Stauferkönigs Konrad IV. bei der Schlacht bei Frankfurt trat der Markgraf 1246 auf die Seite des Gegenkönigs Heinrich Raspe über.

Nach der Teilung der Markgrafschaft im Jahre 1535 gehörte Ettlingen zum katholischen Baden-Baden. Im 16. Jahrhundert wurde die Burg in ein Renaissanceschloss umgebaut, das 1689 von den Franzosen zerstört wurde.

Markgräfin Augusta Sibylla ließ ab 1727 das zerstörte Schloss als ihren Witwensitz ausbauen. Die drei zerstörten Flügel des Renaissacebaus wurden wiedererrichtet, barockisiert und mit dem Ostflügel und einer Schlosskapelle zu einer geschlossenen vierflügeligen Schlossanlage ergänzt. Der alte Bergfried mit seinem rötlichen Mauerwerk wurde als toter, ungenutzter Raum integriert, aber um zwei Geschosse verkürzt.

Im Innenhof des Barockschlosses stehen noch die unteren Stockwerke des ursprünglich dreißig Meter hohen Bergfrieds der vermutlich um 1250 von Markgraf Rudolf I. von Baden erbauten Burg. Davor steht der Delphinbrunnen, 1617 im Renaissancestil ausgeführt. Rechts vom Bergfried die barocke Scheinarchitektur des Südflügels. Links vom Bergfried geht es durch das Osttor zum Kurt-Müller-Graf-Platz, auf dem wenige Meter entfernt die Stauferstele stehen wird.

Stadterhebung 1192?

Überlegungen, wann genau Ettlingen zur Stadt erhoben wurde, sind angesichts der Quellenlage nichts als Kaffeesatzleserei.

Kaiser Heinrich VI. hielt sich vom 25. Dezember 1191 mit wenigen Unterbrechungen bis zum 11. März 1192 in der Hagenauer Pfalz auf. Alfons Schäfer, in den 1970er Jahren Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe, spekulierte als erster darüber, dass Heinrich VI. damals Ettlingen das Stadtrecht verliehen habe, da in diese Zeit die entsprechende Regelung über Sinsheim und seiner Meinung nach auch die Gründung Durlachs falle.1 Einen Beweis dafür gibt es aber nicht, es existiert keinerlei mittelalterliche Quelle.

Der 1999 verstorbene Ettlinger Heimatforscher Rüdiger Stenzel baute diese Überlegungen aus und behauptete, "es liegt nahe", dass der Kaiser damals Ettlingen zur Stadt erhoben hat.2

  • Stenzel verwies auf eine aus dem 16. Jahrhundert stammende Abschrift einer Urkunde, mit der Heinrich VI. in Hagenau am 29. Februar 1192 Sinsheim das Stadtrecht verliehen hat. Die Stadterhebung des über fünfzig Kilometer von Ettlingen entfernten Sinsheim ist aber kein Beweis für eine gleichzeitige Stadterhebung Ettlingens.
  • Auch die von Stenzel zitierte Ursberger Chronik, laut der das elf Kilometer entfernte Durlach im Jahre 1196 ein oppidum Durlaich (Stadt) gewesen sein soll, ist kein Beweis für eine Stadternennung Ettlingens im Jahre 1192.3
  • Ebenso falsch ist die Behauptung Stenzels, später als 1192 könne die Stadtgründung Ettlingens nicht erfolgt sein. Denn Kaiser Heinrich VI. war vier Jahre später nicht nur in Hagenau, sondern auch im benachbarten Durlach. In Durlach ließ er zwei Urkunden ausstellen, in denen diese Siedlung nicht als Stadt, sondern als Dorf (villa durla) bezeichnet wird. Auch Stenzel wusste von diesem Aufenthalt des Kaisers am 15. Mai 1196 in Durlach, hat aber offensichtlich nicht erkannt, welche Konsequenzen dies für seine 1192-Hypothese hat.4 Denn mit welcher Begründung ist auszuschließen, dass die Stadterhebung Ettlingens im Mai 1196 erfolgte?

Im Gegensatz zu den Überlegungen von Rüdiger Stenzel könnte Ettlingen jedoch bereits vor 1192, aber auch genauso gut danach zur Stadt erhoben worden sein:

  • Für Heinrichs Vater Kaiser Friedrich I. Barbarossa sind neun Aufenthalte in Hagenau nachgewiesen. Als Mitkönig seines Vaters hat Heinrich VI. beispielsweise 1185 Breisach zur Stadt gemacht.
  • Nach 1192 hätte es beispielsweise im Zusammenhang mit dem erwähnten Aufenthalt Heinrichs in Hagenau und Durlach im Jahre 1196 gewesen sein können.
  • Nach Heinrichs Tod kommt dessen Bruder König Philipp von Schwaben als Stadtgründer in Frage, der siebenmal in Hagenau war. Laut Stenzel hat der staufisch-welfische Thronstreit Philipp für "solche schwierigen Rechtsakte kaum Spielraum" gelassen. Ob dies zutrifft, sei dahingestellt. "Kaum Spielraum" schließt die Möglichkeit jedenfalls nicht aus.
  • Zwischen 1212 und 1220 könnte Heinrichs Sohn Friedrich II., der seine Lieblingspfalz Hagenau öfter als alle anderen Orte nördlich der Alpen aufsuchte, Ettlingen zur Stadt erhoben haben.
  • Dass aber derjenige, der damals eine Siedlung zur Stadt erhob, sich zu diesem Zweck keineswegs in deren Nähe aufhalten musste, zeigt die Stadterhebung von Pfullendorf durch Friedrich II. Dieser nördlich des Bodensees liegende Ort gehört zu den wenigen mittelalterlichen Städten, deren Stadterhebungsurkunde im Original erhalten ist. Aus der Zeugenliste dieser Urkunde geht hervor, dass die Stadterhebung Pfullendorfs im April 1220 bei einem Reichstag in Frankfurt erfolgte, also zweihundertfünfzig Kilometer Luftlinie entfernt. Beurkundet wurde dies ein paar Wochen später im zweihundert Kilometer entfernten Worms.

Dass Ettlingen 1192 von Heinrich VI. zur Stadt erhoben wurde, ist aus all diesen Gründen reine Spekulation und lediglich eine von vielen Möglichkeiten.

Dennoch täuscht die Stadt Ettlingen seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit und schmückt sich mit fremden Federn: mit der Stadtrechtsverleihung im Jahre 1192 an eine ganz andere Stadt, die fünfzig Kilometer entfernt liegt. Beispiel:

1192: Der Markt Ettlingen wird durch Kaiser Heinrich VI, einem Sohn Barbarossas, zur Stadt erhoben und erhält damit das Recht, sich zu befestigen. In mehreren Ausbauphasen entsteht die heute noch sichtbare Stadtmauer um die heutige Kernstadt.

http://www.ettlingen.de/,Lde/72875.html. Abgerufen am 22. Januar 2017.

Kulturamt: "Wir wissen alle, dass dies nicht exakt bewiesen ist."

Den Badischen Neuesten Nachrichten vom 31. Januar 2017 ist einer Reportage unter der Überschrift "1192: Ist Datum der Stadterhebung korrekt?" allerdings zu entnehmen, dass diese willkürliche Datierung in Ettlingen neuerdings hinterfragt wird. Laut diesem Pressebericht hält die Stadtarchivarin Dorothee Le Maire nach wie vor an den Spekulationen von Rüdiger Stenzel fest. Dr. Robert Determann, der Leiter des Kulturamtes der Stadt Ettlingen, soll hingegen zu 1192 erklärt haben: "Wir wissen alle, dass dies nicht exakt bewiesen ist." Dem schloss sich die Ettlinger Museumsleiterin Daniela Maier in einem Mail an uns an.

Wie uns Dr. Determann am 6. Februar 2017 mitteilte, werde man jetzt auf der Stauferstele das Jahr 1192 – anders als im ursprünglichen Entwurf des Komitees der Stauferfreunde – nicht mehr als Tatsache, sondern lediglich als Vermutung darstellen. Die diesbezügliche Inschrift werde lauten:

UNTER DEN STAUFERN ERHÄLT ETTLINGEN
DAS STADTRECHT (CIVITAS ETTENIGEN)
SPÄTESTENS 1220, VERMUTLICH 1192

Das Jahr 1192 entstammt, wie oben dargelegt, der aus der Luft gegriffenen und durch keinerlei Quellen belegten Hypothese des Heimatforschers Rüdiger Stenzels. Ihm zufolge sei Ettlingen von Kaiser Heinrich VI. gemeinsam mit dem über fünfzig Kilometer entfernten Sinsheim, für das eine entsprechende Quelle existiert, in diesem Jahr zur Stadt erhoben worden. Gleichzeitig behauptete er, nach 1192 könne dies nicht gewesen sein, obwohl ihm bekannt war, dass Heinrich VI. sich im Jahre 1196 in Durlach, also in unmittelbarer Nachbarschaft Ettlingens aufhielt. Damit führte er seine These, die die örtliche Nähe des Stadtgründers postuliert, selbst ad absurdum. Obendrein wird Durlach, das laut Stenzel ebenfalls im Jahre 1192 zur Stadt erhoben worden sein soll, in den beiden Urkunden, die Heinrich VI. 1196 dort ausstellen ließ, nicht als Stadt, sondern als Dorf (villa) bezeichnet.

Es wäre eine Irreführung, auf Grundlage der abwegigen Überlegungen Stenzels zu behaupten, dass Ettlingen "vermutlich 1192" zur Stadt erhoben wurde. Aus diesem Grund müsste dies in der Liste der bisher leider schon einunddreißig Errata auf Stauferstelen aufgenommen werden.


1.  Alfons Schäfer: Staufische Reichslandpolitik und hochadlige Herrschaftsbildung im Uf- und Pfinzgau und im Nordschwarzwald. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins (ZGO) 117, 1969, S.179-244, hier: S. 209.
2.  Rüdiger Stenzel: Ettlingen: Von der Gründungsstadt der Staufer zur landesherrlichen Stadt der Markgrafen von Baden. In: Museumsgesellschaft Ettlingen e. V. und Stadtgeschichtliche Kommission Ettlingen (Hrsg.): Ettlinger Hefte. Sonderheft 3 Festschrift 800 Jahre Stadt Ettlingen S. 5-40. Ettlingen 1992, hier: S. 15 u. 17. PDF 5.005 KB
3.  Obendrein war Durlach, als Kaiser Heinrich VI. im Mai 1196 dort zwei Urkunden ausstellen ließ, weder oppidum, noch civitas, sondern nur ein Dorf (villa Durla). Diese 1196 in Durlach ausgestellten Urkunden sind als Quelle ernster zu nehmen, als die erst Jahrzehnte später im Kloster Ursberg in der Nähe von Ulm verfasste Chronik.
4.  Stenzel erwähnt diesen Aufenthalt Heinrichs VI. im Jahre 1196 in Durlach auf derselben Seite 17, auf der er behauptet, Ettlingen könne nicht nach 1192 zur Stadt erhoben worden sein. – Wenn Stenzel dort außerdem schreibt, man wisse von diesem Aufenthalt, weil damals Heinrichs Bruder Herzog Konrad II. von Schwaben in Durlach ermordet wurde, so ist dies eine weitere Fehlleistung: Von Heinrichs Aufenthalt in Durlach am 15. Mai 1196 wissen wir aus zwei Urkunden, in denen aber nichts von Konrads Tod steht. Vielmehr sind es die Marbacher Annalen, die seinen Tod am 15. August 1196 vermelden. Dass Konrad in quodam opido Durlaich nomine starb, berichtet die bereits erwähnte Ursberger Chronik.

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